Berghäuser Flora und Fauna

Archiv 2023


Dezember: Bergfinken in Wittgenstein

Bergfinkenschwarm im letzten Abendlicht des Schüllarbachtales.
Bergfinkenschwarm im letzten Abendlicht des Schüllarbachtales.

 

Der kleine Berleburger Ortsteil Schüllar schien Anfang des Jahres 2021 der ornithologische Nabel Deutschlands zu sein. Des Nachmittags fand man am Taleingang (Parkplatz Friedhof) Autokennzeichen aus ganz Deutschland. Der Grund: Ein ungewöhnlich riesiger Schwarm von Bergfinken.

Seit Mitte/Ende Dezember 2020 wurde noch „unter der Hand“ und mit dem Versprechen „unbedingter Verschwiegenheit“ auf diesen Schwarm, der sich anscheinend jeden Spätnachmittag dort im Tal einfand, berichtet. Doch etwa ab Anfang Januar machte diese Meldung in den sozialen Netzwerken unter Tierfotografen, Ornithologen und Naturfreunden die Runde und sorgte dafür, dass das Schüllarbachtal zum Mekka zahlreicher Vogelfreunde wurde.

In manchen Wintern fallen sie in riesigen Schwärmen bei uns ein, und dieses „riesig“ darf man wörtlich nehmen. So bezifferten angebliche Fachleute den Schüllarbach-Schwarm zunächst mit einer Million Exemplaren, dann mit zwei und schließlich mit drei Millionen Vögeln (siehe hierzu auch Infokasten). Wir halten diese Zahlen für weit übertrieben, auch wenn dieser Schwarm der wohl bisher größte in Wittgenstein zu beobachtende war.

Dieser riesige Schwarm zog zahlreiche Fotografen und Vogelfreunde an.
Dieser riesige Schwarm zog zahlreiche Fotografen und Vogelfreunde an.

Vor einigen Jahren konnte so ein „Riesenschwarm“ beobachtet werden, der sich tagelang in Girkhausen aufhielt, und 2006 sorgte ein Finkenschwarm zwischen Wunderthausen und Diedenshausen für Aufsehen. Nicht Hunderte, nicht Tausende, wahrscheinlich Hundertausende von überwiegend Bergfinken, aber auch Buch- und Grünfinken bevölkerten ständig zwitschernd, schimpfend, tschilpend, flatternd ganze Bergrücken. Wenn sich nur ein Teil so eines Schwarmes erhebt, rauscht es im Wald; wenn sich der gesamte Schwarm in die Luft schwingt, „verdunkelt sich die Sonne“; wenn man sich inmitten so eines Schwarmes aufhält, bekommt man ob der Masse an Tierleibern und des Lärmes ein bedrückendes Gefühl. Ein wahrlich skurriles Naturschauspiel und man kann sich gut vorstellen, dass diese Masse an Vögeln durchaus imstande ist, allein aufgrund ihres massiv flatternden Auftretens Feinde abzuhalten. 

Der bunte Bergfink bei uns in Berghausen im Garten
Der bunte Bergfink bei uns in Berghausen im Garten
Besonders der farbenfrohe männliche Bergfink setzt in den trist-grauen Wintermonaten bei uns einen bunten Akzent in der Vogelwelt.
Besonders der farbenfrohe männliche Bergfink setzt in den trist-grauen Wintermonaten bei uns einen bunten Akzent in der Vogelwelt.

Der Bergfink – Fringilla montifringilla - vergesellschaftet sich gerne mit anderen Finkenvögeln, hält sich zur Winterzeit gerne und auch über einen längeren Zeitraum am Futterhaus auf und bei uns überwinternde oder nur durchziehende Vögel sind manchmal nur schwer zu unterscheiden. Manchmal erscheint er schon im Spätsommer und hält sich nicht selten bis in den April hinein in Gärten und an Futterhäusern auf. Einige Beobachter äußern inzwischen die durchaus ernst gemeinte Vermutung, dass es diesem schönen Nordfink bei uns im Rothaargebirge so gut gefallen könnte, dass er hier sogar vereinzelt brütet.

Dieser Vogel, besonders der männliche, darf getrost als einer der schönsten unter dem Finkenvolk bezeichnet werden. Mit seiner dunklen, fast schwarzen Kappe und der intensiv orangefarbenen Brust ist es ein äußerst attraktiver Vogel, der bei schlechtem Licht nur mit dem heimischen Buchfink verwechselt werden kann. Die Weibchen ähneln den Männchen in der Gefiederzeichnung, wirken aber, wie bei fast allen Vogelarten, insgesamt blasser. Und kein Bergfink sieht dem anderen gleich. Unter den kleineren Sing- oder Finkenvögeln ist er die Vogelart mit der variabelsten Gefiederzeichnung.

 

Ob sich das riesige Schwarmgeschehen in Schüllar irgendwann einmal wiederholt, oder ob gar bei uns im Edertal so ein Riesenschwarm auftaucht, bleibt abzuwarten. Ausgeschlossen ist es nicht… 

 

Text und Fotos: Wolfram Martin 


November: Der Sperber - ein kleiner, tollkühner Draufgänger

Sperberweib auf unserem Terrassengeländer.
Sperberweib auf unserem Terrassengeländer.

Steeßa (Stößer) aber auch Sparwa wird der Sperber (lat. Accipiter nisus) mundartlich in Wittgenstein genannt. Beide Mundartbegriffe haben weit über Wittgenstein und sogar Deutschland hinausreichende Wurzeln. So wurde im Alt-Angelsächsischen und Altnordischen (ab ca. 1.000 n. Ch.) noch nicht zwischen Habicht und Sperber unterschieden, denn beide wurden unter den Begriffen Stößer oder Taubenstößer zusammengefaßt. Sparwa, Sperwer oder Sparwari sind bereits im Althochdeutschen (ab 8./ 9. Jh. n. Chr.) zu finden.

Der Sperber gilt mit nur 150 Gramm (männl.) und 290 Gramm (weibl.) und einer Spannweite bis zu 70 Zentimeter als die kleinere Ausgabe des Habichts, dem er im Aussehen und der Jagdweise ähnelt. Mit ihren relativ kurzen Flügeln und dem langen Schwanz sind Sperber äußerst schnelle, wendige und damit effektive Überrumpelungsjäger, die ihre gefiederte Beute, zumeist Kleinvögel, im überfallartigen Stoßflug schlagen. Waldränder, Hecken, Büsche und im Winter die Bereiche rund um die Vogelfutterhäuschen sind ihre bevorzugten Jagdgebiete.

 

Das größere, vorne hell- oberseits mittelgrau gezeichnete Weib (in der Jäger- und Falknersprache wird nie von Männchen oder Weibchen gesprochen) jagt in der Regel Vögel bis Tauben-, Häher- oder Elsterngröße, der kleinere, rötlich-grau gesprenkelte männliche Vogel, in der Falknersprache Sprinz genannt, jagt überwiegend Kleinvögel bis Drosselgröße. Kleinsäuger wie Mäuse oder Hamster werden nur in Ausnahmefällen und Notzeiten wie zum Beispiel im Winter erbeutet. Meistens nimmt man Sperber bei ihrer verwegenen Jagd nur als grauen Wischer zwischen Ästen und Gebüsch wahr, selten, und dies fast nur im Frühjahr zur Balz, beobachtet man einmal am Himmel kreisende Exemplare. Hier kann man einen (ebenfalls kleineren) Habichtterzel mit einem weiblichen Sperber schon mal sehr leicht verwechseln, da sie sich sowohl im Flugbild als auch in der Größe sehr ähneln und sich sogar Fachleute manchmal in der Unterscheidung schwertun. 

Sperber auf geschlagener Ringeltaube in Nachbars Garten.
Sperber auf geschlagener Ringeltaube in Nachbars Garten.
Der männliche Sperber – Sprinz genannt – ist wesentlich farbenfreudiger als das Sperberweib.
Der männliche Sperber – Sprinz genannt – ist wesentlich farbenfreudiger als das Sperberweib.

Sprinz kröpft Kleinvogel.
Sprinz kröpft Kleinvogel.

Sperber leben monogam, sind Standvögel, führen eine Dauerehe und sie gelten als recht reviertreu, das heißt, sie bauen ihren Horst jedes Jahr neu in der Nähe des alten. Bei uns in Wittgenstein legt der Sperber seinen Horst fast ausnahmslos in Fichtenstangenhölzern an, sehr häufig sogar in Dorfnähe und immer im oberen Drittel einer Fichte. Im Gegensatz zum Habichtshorst ist der Sperberhorst nicht begrünt, sondern die Horstmulde wird mit Rindenstücken ausgelegt, in die das Weib im April vier bis sechs Eier legt, aus denen nach 35 Tagen Brutdauer durchschnittlich 2 bis 4 Jungvögel schlüpfen. Während der Brutphase und der ersten Zeit der Jungenaufzucht versorgt allein der männliche Vogel sowohl Weib als auch Jungvögel, wobei nur der weibliche Vogel brütet, hudert und füttert. Dies bedeutet, dass bei Ausfall eines Partners die gesamte Brut zugrunde geht. Dies passiert gar nicht so selten, denn bei seiner tollkühnen Verfolgungsjagd durch dichtes Ast-, Strauch- und Buschwerk kommt es recht häufig zu tödlichen Verletzungen. Auch Marder, Uhu, Krähen und Kolkraben plündern und zerstören nicht selten die Sperberhorste, da sich unser neben dem Turmfalken kleinster Greifvogel gegen diese Feinde nicht oder nur schwer durchsetzen kann. Und auch sein größerer Vetter, der Habicht, schlägt hin und wieder seinen kleineren Verwandten.

Früher – als sie noch intensiv bejagt wurden - galten Habicht und Sperber als sehr scheue und auch wenig anpassungsfähige Greifvögel. Das hat sich inzwischen – zumindest was den Sperber angeht – insofern geändert, als dieser tollkühne Jäger sich angepaßt hat und inzwischen recht häufig in unseren Gärten zu beobachten ist und dabei völlig ungetarnt fotografiert werden kann. Alle hier gezeigten Fotos gelangen ohne jegliche Tarnung, auf recht nahe Entfernung und ohne jegliche Anfütterung!          

Text und Fotos: Wolfram Martin


Oktober - Waldgeißblatt "je-länger-je-lieber"

Die wunderschöne Blüte des Waldgeißblattes mutet fast exotisch an.
Die wunderschöne Blüte des Waldgeißblattes mutet fast exotisch an.

In unserem – zugegeben – „etwas wilden Garten“ hat sich ein Gewächs – Busch? Strauch? Schlingpflanze? – angesiedelt, das es eigentlich bei uns in Wittgenstein „wild“ nicht gibt – oder nicht geben dürfte (siehe hierzu auch unten Info-Kasten – Zitat): Das Waldgeißblatt, lat. Lonicera periclymenum, auch Wildes Geißblatt, Deutsches Geißblatt oder Wald-Heckenkirsche genannt, ist wahrscheinlich die Pflanze mit der längsten Liste der deutschen Trivial- oder Mundartnamen. Von Alfranke über „Je länger je lieber“ sowie Baumlilie, Beinweide und St. Georgenrose bis hin zu  Henenblome, Herzfreud, Lehlheck, Memmekenskraut, Wilder Milchbaum, Wilde Rande, Rose von Jericho, Süchelt, Waldgilge, Waldried, Waldwinde und schließlich Zauling ist fast alles vertreten.

Die Blüte des Waldgeißblattes ist in jedem Stadium ein Hingucker.
Die Blüte des Waldgeißblattes ist in jedem Stadium ein Hingucker.

Diese Pflanze mit den wunderschönen Blüten ist eine der wenigen Kletterpflanzen, die es bei uns gibt. Der sich im Uhrzeigersinn um Stämme, Zweige und Sträucher windende Stengel kann bis zu 10 (andere Autoren meinen sogar bis zu 25 Meter – Stichwort: Je länger je lieber) lang werden. Wo keine stützende Stengel, Zweige oder Stämme vorhanden sind, bilden die Kletterstengel am Boden ein dichtes Gewirr.

 

Die besonders an warmen Sommerabenden stark duftenden Blüten werden vor allem von Nachfaltern angeflogen und bestäubt. Diese saugen schwebend mit dem langen Rüssel den Nektar heraus. Die für uns fast exotisch anmutenden Blüten sondern sehr viel Nektar ab. Die roten Beeren sollen „giftverdächtig“ sein. 

Frucht und Blüten des Waldgeißblattes.
Frucht und Blüten des Waldgeißblattes.

Das Waldgeißblatt bevorzugt kalkarme Böden und kommt besonders in Eichen- oder Kiefernmischwäldern aber auch an Waldlichtungen und Gebüschen vor. Die Blütezeit wird vom Mai bis August angegeben, was nicht ausschließt, dass es bei uns im Garten im Jahre 2023 bis Ende September/Anfang Oktober blüht. Möglicherweise ist die allgemeine Erwärmung auch dafür verantwortlich, dass sich dieser schön blühende Kletterkünstler auch in Wittgenstein wieder wild vermehrt…

 

Oder aber, und auch das ist ja sogar von Obstbäumen bekannt, dass, wenn domestizierte Arten sich „wild“ vermehren, sie wieder ihre ursprüngliche Form annehmen…

 

Info-Kasten

Zitat

Wilde Wald-Geißblätter scheinen in der Tat auch in der Gegenwart, ähnlich, wie Belz, Fasel & Peter 1992 dies bereits erwähnen, wenn überhaupt, nur sehr selten „wild“ in Wittgenstein vorzukommen. Offenbar spielt laut anderen Autoren die Höhenlage hinsichtlich der natürlichen Verbreitung eine Rolle. In den Wittgensteiner Siedlungsbereichen kommen natürlich hier und da domestizierte bzw. verschleppte wilde Exemplare von Lonicera vor.

Michael Frede, Biologische Station Siegen-Wittgenstein

 

 

Text und Fotos: Wolfram Martin


September - "Dos juärliche Wittjesteena Harschebrelln"

Beginn des Brunftgeschehens im Langen Grund.
Beginn des Brunftgeschehens im Langen Grund.
Treibender Brunfthirsch
Treibender Brunfthirsch

Manch „echter Berghäuser“ kennt nur zwei Jahreszeiten: Das Schützenfest und die Rotwildbrunft, also das „Härschebrüllen“.

Die Brunft des Rotwildes, „dos Harschebrelln“, wie es mundartlich in Wittgenstein derb und bodenständig heißt, ist noch nicht in vollem Gange, also weder ein Trenzer, noch ein Schrei, noch ein „Brüllen“ zu hören, und doch deuten „gewisse Merkwürdigkeiten“ dem Kundigen den baldigen Beginn der Rotwildbrunft an.

Etwa vier Wochen vor Brunftbeginn, so um den 12. August herum, verlassen die alten Hirsche bereits ihre Sommerquartiere, von den Jägern Feisteinstände genannt, um sich auf den Weg in die Nähe des weiblichen Rotwildes zu begeben. Diese „Kahlwildrudel“ können in Wittgenstein in manchen Revieren beachtliche Kopfstärken erreichen. So sind Stückzahlen von 40, 50 ja 60 Tieren keine Seltenheit.

 

Hat dann ein alter Hirsch solch ein „Harems-Rudel“ gefunden, wird er bald feststellen, dass er nicht der einzige ist, der sich für die holde, geballte Weiblichkeit interessiert. Ständig ist jetzt so ein Hirsch auf Achse – sprich: auf den Läufen – um sowohl sein Rudel zusammenzuhalten als auch dieses gegen heranziehende Rivalen zu verteidigen. Er markiert den Brunftplatz einerseits, indem er mit seinem Geweih (mundartlich: Harschgewechde) den Boden aufreißt und nicht selten ganze Grasplacken um sich schleudert oder kleinere Bäume und Sträucher malträtiert, und andererseits mit den Läufen und dem Geweih Mulden („Brunftgruben“) aufreißt, dort hineinuriniert (näßt), sich darin wälzt, um anschließend als „brunftstinkender Macho“ (oder parfümierter Sexprotz) weiterhin sein Rudel zusammenzuhalten. In dieser Phase der Brunft etwa sind nun auch die ersten „Brüller“ zu hören, welche die Jäger malerisch mit Trenzen, Orgeln, Rufen, Schreien bezeichnen, und in der es auch nicht selten zu ernsthaften, manchmal lebensbedrohlichen Brunftkämpfen zweier in etwa gleichstarker Hirsche kommt. 

Hirschbrunft-Sichtschutzwand am Langen Grund.
Hirschbrunft-Sichtschutzwand am Langen Grund.

Obwohl man in Wittgenstein an mehreren Orten das Brunftgeschehen hören und beobachten kann, so hat sich für den Berghäuser Raum der „Lange Grund“ als wahrer Brunft-Hotspot herauskristallisiert: Ihn erreicht man vom Grünewald kommend links entlang des Wege oberhalb des „Meistebaches“. Nach ungefähr 1200 Meter vom Parkplatz aus öffnet sich links ein Tal, welches unten durch eine Sichtschutzwand abgesperrt ist. Hinter dieser Sichtschutzwand – mit Sitzmöglichkeiten und Sichtschlitzen - läßt sich bei entsprechendem Verhalten die Brunft fast hautnah erleben. 

Bei so einem Brunftkampf kann es schon mal richtig „zur Sache“ gehen.
Bei so einem Brunftkampf kann es schon mal richtig „zur Sache“ gehen.

Der – somit heimliche – Beobachter solcher Brunftkämpfe kann sich der Dramatik und Dynamik nur schwer entziehen, denn da krachen gewaltige Kräfte aufeinander, da gibt es ein anstrengendes Schieben, Drücken, Rangeln, Hauen, Forkeln und Stechen, da geht es nicht selten um Leben oder Tod. Da werden aus „trägen, alten, fetten, faulen Hirschen“ plötzlich dynamisch, dolle, dreinhauende Draufgänger.

Kahlwildrudel können zu Brunftbeginn „gewaltige Stärken“ erreichen – und nicht selten mischen sich Sauen unter die brunftigen Hirsche.
Kahlwildrudel können zu Brunftbeginn „gewaltige Stärken“ erreichen – und nicht selten mischen sich Sauen unter die brunftigen Hirsche.

Hat sich schließlich ein „Platzhirsch“ durchgesetzt, also gegen diverse Rivalen behauptet und ist in der Lage sein Kahlwildrudel zusammenzuhalten, beginnt die eigentliche Brunft, die Paarung, indem der Hirsch paarungsbereite Tiere aus dem Rudel heraussucht, diese häufig absondert, um sie etwas abseits vom Rudel „zu beschlagen“, zu begatten.

Während dieser „zehn heiligen Tage“, wie früher die Tage der Hochbrunft Mitte September im Hirschrevier genannt wurden, nimmt der Platzhirsch so gut wie keine Nahrung zu sich – und das bei sowohl sportlicher als auch sexueller Höchstleistung – und ist am Ende der Brunft nur noch „ein Schatten seiner selbst“. Doch auch die sogenannten „Wittgensteiner Hirschväter“, also die hauptverantwortlichen Heger und Jäger im klassischen Rotwildrevier sollen, so wird kolportiert, während dieser auch für sie aufregenden Tage und Wochen eher ab- als zugenommen haben.

 

 Text und Fotos: Wolfram Martin

 


August - Blume des Jahres 2023: Die Kleine Braunelle

Eher unscheinbar, aber dennoch robust: Die Kleine Braunelle.
Eher unscheinbar, aber dennoch robust: Die Kleine Braunelle.

Eine ungewöhnliche Blume – und eine ungewöhnliche Auszeichnung! Die Kleine Braunelle (lat. Prunella vulgaris), mancherorts auch Praun- oder Prunelle genannt, ist insofern auch bei uns in Wittgenstein eine ungewöhnliche Wildpflanze, als sie anscheinend allgegenwärtig, äußerst robust und auf gar keinen Fall gefährdet ist, und sie dennoch kaum jemand kennt. Und hat man sich erst einmal um sie gekümmert, sie bestimmt und vielleicht sogar fotografiert, sieht man sie plötzlich überall.

Die Loki-Schmidt-Stiftung hat mit der Kleinen Braunelle als Blume des Jahres 2023 eine Blume ausgezeichnet, die – so die Stiftung – „weit verbreitet und in Sachen Standort relativ hart im Nehmen ist“. Sie wächst an Weg- und Böschungsrändern, auf Wiesen und Weiden und sogar in unseren Gärten. Sie verträgt Schnitt, Mahd, Fraß und Tritt und ist anscheinend so robust wie unser Gänseblümchen. Dennoch seien die Bestände in mehreren Regionen Deutschlands – so die Stiftungsexpertin – zurückgegangen und es ist als Alarmsignal zu deuten, wenn selbst solche robusten Arten schwinden.

Und da diese hübsche Allerweltsblume insbesondere bei Hummeln, Wildbienen und mindestens 18 Schmetterlingsarten als Nahrungspflanze dient, sollten wir uns um sie kümmern, sie möglicherweise im Garten ansiedeln, zumindest aber ihre Biotope ungedüngt lassen.

 

Diese Pflanze erreicht bei uns eine Höhe von 5 bis 30 Zentimeter und blüht in Wittgenstein von Juni bis September. 

 

 

Text und Foto: Wolfram Martin


Juli- Insekt des Jahres 2023: Das Landkärtchen

Ist bei uns bevorzugt in feuchten Bachtälern anzutreffen – das hübsche Landkärtchen (hier die Sommergeneration).
Ist bei uns bevorzugt in feuchten Bachtälern anzutreffen – das hübsche Landkärtchen (hier die Sommergeneration).

Das Insekt des Jahres 2023 in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist ein auch bei uns bekannter und heimischer Tagfalter: Das Landkärtchen (lat. Araschnia levana). Das Tier mit dem ungewöhnlichen Namen verblüffe mit seinem variablen Aussehen, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Dieser sogenannte „Saisondimorphismus" des Landkärtchens gibt Wissenschaftlern immer noch Rätsel auf. Denn während die Frühjahrsgeneration eine orangefarbene Grundfärbung mit schwarzen Zeichnungselementen besitzt, sind die Tiere der Sommergeneration überwiegend schwarz, mit einem gebogenen weißen Band auf Vorder- und Hinterflügel. Gemeinsam ist beiden Generationen eine relativ bunte und von zahlreichen, unterschiedlich dicken Linien durchzogene Flügelunterseite. Dies erinnert an eine Landkarte und hat der Falterart ihren deutschen Namen eingebracht.

 

Doch nicht nur der Frühlings- und Sommerlook, auch die Eiablage des Landkärtchens ist den Angaben zufolge bemerkenswert: Es befestigt seine Eier in mehreren kurzen Schnüren, die wie umgedrehte Türmchen aussehen, an der Unterseite von Blättern der Großen Brennnessel. Damit unterscheidet sich die Art von allen anderen in Europa vorkommenden Tagfaltern, deren Raupen auch gerne Brennesseln bewohnen wie das Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs oder der Admiral.

Doch nicht jede Brennnessel scheint gut für das Landkärtchen, denn die Eier benötigen zur erfolgreichen Entwicklung eine hohe Luftfeuchtigkeit. Bevorzugt werden deshalb solche Pflanzen genutzt, die an feuchteren Stellen wachsen, wie beispielsweise in Hochstaudenfluren in Bach- und Flusstälern des Unteren und Oberen Edertales mit diversen Seitentälern und in der Nähe etwas verwilderter Gartenteiche.

 

Die Falter der ersten, also der Frühjahrsgeneration, fliegen bei uns von Ende April bis Mitte Juni, die der Sommergeneration von Mitte Juli bis Ende August. 

 

 

Text und Foto: Wolfram Martin


Juni- Das Taubenschwänzchen und andere Schwärmer

Die bis zu acht Zentimeter lange Raupe des Mittleren Weinschwärmers mit ihren augenartigen Fleckenpaaren ist, wie fast alle Schwärmerraupen, eine beeindruckende Erscheinung.
Die bis zu acht Zentimeter lange Raupe des Mittleren Weinschwärmers mit ihren augenartigen Fleckenpaaren ist, wie fast alle Schwärmerraupen, eine beeindruckende Erscheinung.

Mit dem Taubenschwänzchen haben wir uns in dieser Serie schon einmal kurz im Zusammenhang mit der Kuckuckslichtnelke beschäftigt. Weitere Beobachtungen und neue Erkenntnisse erfordern eine abermalige, tiefergehende Betrachtung.

 

Das Taubenschwänzchen ist ein Schmetterling und gehört zur Familie der Schwärmer (lat. Sphingidae) wie zum Beispiel auch der Wein-, Winden-, Pappel- oder Ligusterschwärmer. Sie zählen zu den besten Fliegern unter den Schmetterlingen und saugen den Nektar aus den Blüten stets im Schwirrflug, also ohne sich anzusetzen, was sie manchmal wie Kolibris erscheinen läßt. Die nackten, oft sehr bunten und bis zu zwölf Zentimeter großen Raupen der Schwärmer besitzen fast immer ein sehr auffälliges, gebogenes Horn kurz vor dem Körperende und Naturfotografen geraten beim Anblick dieser exotisch anmutenden Tiere regelmäßig ins Schwärmen. Die meisten Schwärmer, so die landläufige Meinung, lieben die Wärme und kommen deshalb nur in südlichen Regionen Europas vor. Vor wenigen Jahrzehnten gingen auch Fachleute noch davon aus, dass es in Wittgenstein und dem Rothaargebirge außer Linden-, Pappel- und Eichenschwärmer so gut wie keine weiteren Schwärmer gäbe. Das hat sich inzwischen geändert. 

Das hübsche, an einen Kolibri erinnernde Taubenschwänzchen, ist schon längst auch in Wittgenstein kein „Exot“ mehr.
Das hübsche, an einen Kolibri erinnernde Taubenschwänzchen, ist schon längst auch in Wittgenstein kein „Exot“ mehr.

Seit Jahren schon ist das Taubenschwänzchen von Mai bis Mitte August auch in Wittgenstein recht häufig und gar nicht selten an Blumenkästen und Balkonpflanzen zu beobachten. Es gehört zu den bekanntesten Wanderfaltern und wandert alljährlich aus den südeuropäischen Ursprungsgebieten ein, um sich bei uns fortzupflanzen. Einige der Falter der Nachfolgegeneration wandern in den Süden zurück, andere versuchen bei uns zu überwintern, was in der Regel mißlingt. Doch seit einigen Jahren werden immer mehr Beobachtungsmeldungen lebender Falter aus allen Monaten publiziert, so zum Beispiel vom Oberrhein. Die noch im Herbst geschlüpften Falter legen erst nach der Überwinterung Eier ab.

Mit seinen graubraunen Vorder- und auffallend, leuchtend gelborangefarbenen Hinterflügeln sowie dem schwarzen Haarpinsel am Hinterleib (deshalb der merkwürdige Name), ist das Taubenschwänzchen leicht zu erkennen und unverwechselbar.

 

Natürlich können wir im Rothaargebirge nicht mit den „exotischen“ Schwärmern südlicher Regionen aufwarten und konkurrieren, aber in den letzten Jahren werden immer häufiger neben dem Taubenschwänzchen sowohl der Hummel-, als auch der Mittlere Weinschwärmer beobachtet. Neben entsprechenden Sommertemperaturen ist immer auch das Vorkommen von Futterpflanzen für das Auftreten der Schwärmer verantwortlich. So scheint der Mittlere Weinschwärmer bei uns besonders Weidenröschen, Fuchsien und insbesondere den Fieberklee (was auch in der Fachliteratur wenig bekannt zu sein scheint) und der Hummelschwärmer Schneebeere und die Rote Heckenkirsche zu lieben. Die Anlage von Wildwiesen mit speziellen „Schmetterlingsmischungen“ sowohl im heimischen Garten als auch im Wald dient nicht nur der Artenvielfalt und nützt unseren Honigbienen, sondern sie sind häufig auch die Grundvoraussetzung für das Vorkommen von farbenprächtigen Schwärmern, die unsere Schmetterlingsfauna ganz ohne Zweifel bereichern.  

                                                                                                                        

Text und Fotos: Wolfram Martin


Mai - Ein leuchtendes Juwel nasser Wiesen: Die Kuckuckslichtnelke

Kuckuckslichtnelke – eine besonders aparte Erscheinung in Wittgensteins feuchten Wiesen…
Kuckuckslichtnelke – eine besonders aparte Erscheinung in Wittgensteins feuchten Wiesen…

Die Kuckuckslichtnelke ist ein äußerst bemerkenswertes Gewächs unserer nassen, feuchten Wittgensteiner Wiesen.

Der griechische Gattungsname „Lychnis“ (Lychnis flos-cuculi) bedeutet Leuchte oder Lampe und wurde im Altertum auf verschiedene Pflanzen mit leuchtenden Blüten angewandt. Und in der Tat beherrschen die rosarot leuchtenden Blüten im Frühling und Frühsommer häufig das Landschaftsbild auch in Wittgenstein.

 

Der deutsche Artname Kuckuckslichtnelke läßt zwei Deutungen zu: Zum einen bezieht er sich auf die Blütezeit von Mai bis Juni, also der Zeit, in der der Ruf des Kuckucks zu hören ist, so wie fast alljährlich und nach Auskunft eines Sassenhäuser Bauerns erstmals am 13. Mai und dann fast täglich auf dem Golfplatz in Sassenhausen. Zum anderen geht der Name zurück auf die speichelartigen „Schaumnester“ an den Stengeln, die früher als „Kuckucksspeichel“ bezeichnet wurden, in Wirklichkeit jedoch der Larve der Schaumzikade als Schutz vor Freßfeinden zuzuordnen sind.

Die Kuckuckslichtnelke unterscheidet sich von den „echten“, also der Roten und Weißen Lichtnelke hauptsächlich durch ihre feingliedrigen, rosa Blüten mit den schmalen, „zipfligen“ Kronblättern, die der Pflanze mit den hohen, langen Stengeln ein besonderes anmutiges Aussehen verleihen. Auch die Laubblätter dieser aparten Blume sind wesentlich schmaler und spitzer zulaufend als die verhältnismäßig breiten Blätter der beiden anderen Lichtnelken. Die Blüten werden auch gerne und oft von Schmetterlingen, z. B. Raps- oder Kohlweißling, aber auch vom Taubenschwänzchen – siehe Foto – angeflogen, der als tagaktiver Schwärmer in Wittgenstein nur in warmen Sommern, aber in den letzten Jahren immer häufiger zu beobachten ist. 

…und wenn sie dann noch von einem Taubenschwänzchen angeflogen wird, öffnet sich nicht nur das Herz des Naturfotografen.
…und wenn sie dann noch von einem Taubenschwänzchen angeflogen wird, öffnet sich nicht nur das Herz des Naturfotografen.

Als typischer Feuchtanzeiger wächst diese schöne Blume überwiegend und hauptsächlich auf Feucht- oder ungedüngten Nasswiesen und kommt dort manchmal in beachtlichen Mengen vor.

Wenn also Spaziergänger und Naturfreunde, die entlang des Truftetales, im Kreisbach, den Bach oder das Gute Wasser wandern oder oberhalb des Schmengekämmerchens auf einer Bank rasten und dann den Ruf des Kuckucks vernehmen, sollte dieser sie auch daran erinnern, dass unweit ihres Platzes in zumeist seifigen, sumpfigen oder leicht moorigen Wiesen sowohl die Kuckuckslichtnelke manchmal inmitten von Knabenkräutern als auch der Schlangenknöterich blüht – und im zeitigen Frühjahr dort manchmal die Bekassinen balzen…         

 

Text und Fotos: Wolfram Martin


April - Frühlingsboten, Sommervögel, Glücksbringer:

Die Schwalben

Junge Rauchschwalben im Nest
Junge Rauchschwalben im Nest

Schwalben stehen uns sehr nahe: Wir begrüßen sie als Frühlingsboten, wenn sie so zwischen dem 16. und 22. April aus dem Süden zurückkehren; suchen sie unser Haus zum Nestbau aus, soll dies Glück verheißen; und wenn sie dem Bauern im Stall frühmorgens und abends mit vertrauten Gezwitscher und akrobatischen Flügen die Zeit vertreiben weiß er, dass es immer noch Sommer ist. Und dennoch sind sie uns über Monate so fern, als wären sie auf einem anderen Stern, denn die Wintermonate verbringen sie im südlichen Afrika. Nur zwei der drei in Deutschland vorkommenden Schwalbenarten sind bei uns in Wittgenstein heimisch: Die etwas buntere, mit dem orangefarbenen Kehlfleck und den beiden Schwanzspießen, die Rauchschwalbe. Sie bewohnt offenes Kulturland mit Bauernhöfen und Dörfern und nistet in Ställen, Kellergewölben, Hausfluren. Sie ist die eigentliche „Hausschwalbe“.

Fütternde Mehlschwalbe unterm Hausdach.
Fütternde Mehlschwalbe unterm Hausdach.

Die andere, die Mehlschwalbe, ist etwas kleiner und mit ihrer reinweißen Bauchseite und dem weißen Bürzel von der Rauchschwalbe auch im Flug sehr leicht zu unterscheiden. Sie bewohnt Städte und Dörfer und auch einzeln stehende Häuser und Gehöfte und brütet immer unter Dachvorsprüngen und niemals im Haus. Ordnungsliebende (und teilweise naturentfremdete) Menschen mögen die Schwalben am Haus insofern nicht, als sie befürchten, diese könnten ihre Hauswände verschmutzen und vertreiben sie, indem sie ihre angefangenen Nester zerstören oder Flatterbänder in den Nistbereich hängen. Eine andere, viel bessere Möglichkeit wäre, sich künstliche Schwalbennistkästen über die AWO-Werkstatt zu besorgen und diese, gleich mit Kotbrettchen, am Haus anzubringen. Damit wäre gleich Dreien geholfen: Den Mehlschwalben, den Häuslebauern und der Werkstatt. Die vergleichsweise stattliche Anzahl von (einst) 40 bewohnten Mehlschwalbennestern an der Berghäuser Grundschule zeigt, dass dort, wo die Schwalben sowohl Nist- als auch Schlammstellen in Form von kleinen Bächen, Pfützen oder die Eder vorfinden, sie sich in großer Zahl wohlfühlen und jedes Jahr wiederkommen. 

Die Anzahl der Schwalbenbrutpaare hat in Wittgenstein in den letzten Jahren insgesamt ständig abgenommen. An der Berghäuser Grundschule war m.W. im letzten Jahr leider kein einziges Nest von Schwalben beflogen. Hauptursache scheint die vermehrte Asphaltierung unserer Landschaft zu sein, denn beide Schwalbenarten benötigen zum Nestbau schlammige Feuchtstellen. In Trockenperioden künstlich angelegte feuchte Schlammstellen werden von den Schwalben sofort und gerne angenommen. Eine weitere Ursache des Rückganges ist der dramatische Schwund ihrer Beutetiere, die Insekten.

Rauchschwalben ziehen pro Jahr zwei bis drei, Mehlschwalben ein bis zwei Bruten auf.

Beide Arten sitzen äußerst selten am Boden und trinken generell im Fluge, indem sie flach übers Wasser schießen und so Wasser aufnehmen. 

Mehlschwalben fliegen eine Feuchtstelle an, um Nistmaterial zu sammeln.
Mehlschwalben fliegen eine Feuchtstelle an, um Nistmaterial zu sammeln.

Feinde haben sie bei uns nur unter den Greifvögeln, hier besonders der Sperber, doch sind die flinken Schwalben diesem Kleinvogeljäger meistens „flugtechnisch“ überlegen. Diese Überlegenheit demonstrieren sie auch gerne, wenn sie aufgeregt kreischend im Pulk von bis zu zwanzig Exemplaren einen Sperber umkreisen und ihn so anscheinend in die Flucht schlagen. Lediglich der bei uns seltene Baumfalke ist noch schneller und gewandter als sie und er jagt sogar erfolgreich Mauersegler. 

Rauchschwalben auf ihrem Lieblingsplatz.
Rauchschwalben auf ihrem Lieblingsplatz.

Wenn sich die Schwalben schon Ende August auf den Stromdrähten sammeln und eines Morgens kein Schwalbengezwitscher zu hören ist sagt uns das, dass es Herbst ist, die Hirschbrunft vor der Tür steht – aber das ist schon wieder ein anderes Thema… 

 

Text und Fotos: Wolfram Martin


März - Sympathischer Rüttelflugjäger: Der Turmfalke

Wie alle Falken entfaltet auch der Turmfalke erst im Flug seine wahre Eleganz.
Wie alle Falken entfaltet auch der Turmfalke erst im Flug seine wahre Eleganz.
Unser netter „Terrassen-Terzel“, (darüber später einmal mehr) ist ein wirklich bunter Vogel.
Unser netter „Terrassen-Terzel“, (darüber später einmal mehr) ist ein wirklich bunter Vogel.

Im Rahmen unserer Wegeaktionen und vor dem Hintergrund des Berghäuser 850-Jahr-Jubiläums haben wir ja sogar einen Weg nach diesem sympathischen Greifvogel benannt, den Turmfalkenweg, und da erscheint es an der Zeit, diesen Rütteljäger einmal vorzustellen.

 

Da der Turmfalke – lat. Falco tinnunculus – sich bevorzugt in Ortsrandnähe und sogar in Ortschaften aufhält, dort brütet und zur Jagd offenes Gelände braucht, ist er auf der einen Seite für uns allgegenwärtig, kommt aber andererseits in den dicht bewaldeten Höhenlagen so gut wie überhaupt nicht vor. 

In den Ortschaften entlang des Rothaarsteiges und des Edertals ist der kleinste unter den heimischen Greifvögeln neben dem Mäusebussard wohl die häufigste Greifvogelart. Aus der Nähe wirkt dieser nur etwa hähergroße, bräunlich-schwarz gesprenkelte Greif mit den dunklen, fast übergroßen Falkenaugen und seiner mit dem Kopf nickenden Art, etwas genau zu fixieren, eher putzig und niedlich. Und doch ist an ihm alles dran, was ein schneidiger Jäger der Lüfte braucht: Hartes Gefieder, große Augen, krummer Schnabel, kräftige Fänge mit spitzen Krallen. Zunächst fliegt er sein Jagdgebiet aus großer Höhe an, um sich dann in einen eleganten Suchflug in niedere Höhe fallen zu lassen und schließlich, nach Entdeckung einer Beute – meistens einer Maus – in den Rüttelflug überzugehen, der es ihm ermöglicht, mit den Schwingen rüttelnd (deshalb auch Rüttelfalke) auf einer Stelle zu verharren, die Beute zu beobachten, um dann in einen falkentypischen Steilstoß auf Beute und Boden zu stoßen, dieselbe zu greifen und blitzschnell zu töten. Mit der Beute in den Fängen strebt er dann einem Pfahl, Baum oder Masten zu, um sie dort zu rupfen, zu atzen oder zu kröpfen. In mäusearmen Jahren weichen die Turmfalken geschickt auf Großinsekten, Würmer und in eher seltenen Fällen auf Kleinvögel aus. 

Seinen Namen hat dieser ehemalige Felsenbrüter aufgrund seines Brutverhaltens bekommen, denn er bevorzugt für seinen kleinen Horst, wie man das Nest bei den Greifvögeln nennt, eine felsige, steinige Unterlage und liebt es, sich auf und in Mauervorsprüngen, Turmnischen und –höhlen niederzulassen und einzuschieben. Wie alle Falken baut er kein eigenes Nest, sondern ist auf Höhlen, Halbhöhlen oder als Baumbrüter auf verlassene Nester von Dohlen, Krähen oder Elstern angewiesen.

Diese Not, passende Horstmöglichkeiten in entsprechender Anzahl  zu finden, war der Anlass, ihm im Jahre 2007 zum Vogel des Jahres zu küren.

Auf Wittgensteiner Platt soll der Turmfalke fälschlicherweise „Steeßa“ (Stößer), „Döwweschdesa“ oder „Douesteaßer“ (Taubenstößer) heißen und man verwechselt ihn so in Unkenntnis seines wahren Jagdverhaltens mit dem Sperber.

 

Wie bei fast allen Greifvögeln ist auch beim Turmfalken der männliche Vogel etwa ein Drittel kleiner (deshalb in der Fachsprache auch Terzel genannt) und farbenfroher, was sich im Altersgefieder noch verstärkt: Ein alter Turmfalkenterzel ist am Kopf und Nackengefieder hell bläulich-schiefergrau, am Rücken sowie auf den Oberschwanzdeckfedern hellblaugrau und der Stoß mit schwarzer Endbinde und weißem Saum lässt den Vogel geradezu bunt erscheinen. 

Turmfalken brüten in fast allen Orten und Ortsteilen des Rothaargebirges; in manchen Ortschaften, so auch in Berghausen auch mehrere Paare. Ideale Brutplätze werden jedes Jahr wieder bezogen bzw. an die Nachkommen „vererbt“ und so gehören die sympathischen Mäusejäger mit ihren „kickernden“ Rufen am Bad Berleburger Schloß oder dem Berghäuser „Rabekippel“ seit Jahrzehnten sowohl zum lebenden Inventar als auch zu den fliegenden Kleinoden unserer heimischen Fauna. 

 

Text und Fotos: Wolfram Martin

Turmfalkenweib kurz vor dem Abflug.
Turmfalkenweib kurz vor dem Abflug.
Beuteübergabe während der Balz
Beuteübergabe während der Balz

Februar / Ein majestätischer Segelflieger: Der Rote Milan

Rotmilan im suchenden Vorbeiflug.
Rotmilan im suchenden Vorbeiflug.

Dieser stattliche, „königliche“ Greifvogel, mal Rotmilan, auch Roter Milan, dann wieder Gabelweihe oder Königsweih und lateinisch Milvus milvus genannt, zählt im Rothaargebirge einerseits zu den klassischen Frühjahrsboten, andererseits ist Wittgenstein samt Hochsauerland und angrenzendem Ederbergland bis in die Warburger Börde im Südosten und die Soester Börde im Norden hinein das Hauptverbreitungsgebiet des Rotmilans in Deutschland.

Wenn dieser große, exzellente Thermikflieger im teils hohen, teils niederen Suchflug fast ohne einen Schwingenschlag die großen Wiesenflächen rund um Schmallenberg, Berleburg (Birkefehl, Berghausen, die Sassenhäuser Höhe) oder die Ederauen und das Lennetal nach Beutetieren absucht, ist dies für jeden heimischen Tierfreund ein grandioser Anblick. Bei Beutesuchflügen von fünf bis zwölf Kilometern bleiben Mehrfachbeobachtungen nicht aus, was einen höheren Brutbestand suggeriert, als tatsächlich vorhanden. Für Wittgenstein dürften zwölf bis 15 Brutpaare eine realistische Größe sein.

Mit seinem überwiegend rotbraunen Gefieder, dem grauweißen Kopf, den hellen, fast weißen Unterflügelgefieder und dem gegabelten Stoß ist er bei einer Länge von etwa 60 Zentimeter und einer Spannweite von 1,60 Meter unverkennbar und eigentlich nur mit etwas kleineren, dunkleren und im Stoß weniger gegabelten Schwarzmilan zu verwechseln, der aber im Rothaargebirge höchst selten und unsere Wissens nicht als Brutvogel vorkommt. Rotmilane können ein Alter von über 40 Jahren erreichen.

 

Die Beute dieses großen Greifvogels, der als opportunistischer Nahrungsgeneralist gilt, ist vergleichsweise bescheiden, denn er ernährt sich überwiegend von Mäusen, Weichtieren, Würmern, Insekten, seltener Kleinvögeln, Aas und jagt anderen Greifvögeln auch schon mal die Beute ab. 

Der Rotmilan baut seinen Horst aus Reisern und Knüppeln bei uns überwiegend in hohen Laubbäumen an mehr oder weniger steilen Hängen, vorzugsweise mit weitem Blick in Flußtäler, und bezieht gerne jedes Jahr den alten Horst wieder, sofern er nicht von Kolkraben oder durch Windkraftanlagen und Forstarbeiten gestört oder vertrieben wird. Die nur zwei bis drei weißlichen Eier werden vom weiblichen Vogel 30 bis 32 Tage bebrütet und in einem Alter von etwa 50 Tagen verlassen die Jungvögel den Horst. Zur Herbstzeit kommt es manchmal zu einer Massenansammlung von Milanen – bis zu 120 Stück wurden schon beobachtet. Der Rote Milan ist sowohl Stand-, Strich- als auch Mittelstreckenzugvogel und in milden Wintern ist es nicht auszuschließen, dass nordostdeutsche Vögel bei uns zeitweise überwintern, weshalb die stolzen, sogenannten „Erstbeobachtungen“ der heimischen Naturschützer mit Vorsicht zu genießen sind.

Für Westfalen wird ein Bestand von etwa 600 bis 800 Brutpaaren geschätzt, mit sinkender Tendenz, doch im Wissen um die Tatsache, dass gegenwärtig etwa 65% des Weltbestandes in Mitteleuropa leben und Wittgenstein, das Hochsauer- und Siegerland mitten im Hauptverbreitungsgebiet liegen, kommt uns eine besondere Verantwortung zu, die sich darin äußern könnte, dass Horstbereiche zur Brutzeit möglichst gemieden, die Ausbringung von Gift sowie das Errichten von Windkraftanlagen in diesen Regionen generell unterbleiben sollte.

 

Naturfreunde aus anderen Ländern beneiden uns und man erntet ungläubiges Staunen, wenn man erzählt, dass der Rote Milan bei uns im Rothaargebirge quasi ein Allerweltsvogel ist und er täglich über unser Haus segelt. 

 

 

Text und Fotos: Wolfram Martin

 

Immer wieder ein schönes Bild, den Roten Milan im segelnden Suchflug beobachten zu können. Je älter der Rote Milan wird, desto heller, ja fast weiß wird sein Kopfgefieder.
Immer wieder ein schönes Bild, den Roten Milan im segelnden Suchflug beobachten zu können. Je älter der Rote Milan wird, desto heller, ja fast weiß wird sein Kopfgefieder.
Nicht selten folgen Milane dem mähenden Traktor derart konzentriert, dass sie den Fotografen beutesuchend ignorieren, was sogar Flug-Portraitaufnahmen ermöglicht.
Nicht selten folgen Milane dem mähenden Traktor derart konzentriert, dass sie den Fotografen beutesuchend ignorieren, was sogar Flug-Portraitaufnahmen ermöglicht.

Januar / „Dunkle Ritter“ aus der Fremde: Die Mufflons

Obwohl Mufflons sehr gut sehen, passiert es bei richtigem Verhalten, dass den Fotografen ein Widder anwechselt.
Obwohl Mufflons sehr gut sehen, passiert es bei richtigem Verhalten, dass den Fotografen ein Widder anwechselt.

Damwild, Fasane, Türkentauben, Waschbären, Nilgänse, Muffelwild und – ja, auch die (!) – Wisente werden bezüglich ihres „Migrationshintergrundes“ fälschlicherweise gerne in einen Topf geworfen.

Wobei Damwild und Wisente schon immer das mitteleuropäische Festland bevölkert haben, das Muffelwild hingegen nicht. Sie stammen ursprünglich aus Vorderasien, gelangten als „domestizierte Wildschafe“, also Haustiere, auf die Mittelmeerinseln Korsika und Sardinien, verwilderten dort und gelangten dann erst zu uns.

Die ersten Einbürgerungen auf dem europäischen Festland erfolgten in den Jahren 1868/69; in NRW existieren über 20 eng abgrenzbare Hauptvorkommen überwiegend im Mittelgebirge, und in Wittgenstein haben wir es mit vier verschiedenen Populationen unterschiedlicher Herkunft zu tun.

 

Die erste Einbürgerung erfolgte hier 1927/31 von Hallenberg aus mit einem Stamm aus dem Neutra-Gebirge (Tschechien) und begründete das Vorkommen in Girkhausen-Wunderthausen. 1927 und 1932 erfolgte die Einbürgerung der Elsoffer Population von hessischer Seite aus; 1956/57 wurden im Erndtebrücker und Hilchenbacher Raum Muffel ausgewildert und 1964 gilt als das Gründungsjahr des Paulsgrunder Vorkommens mit einem sogenannten Laubachstamm aus Hessen. Inzwischen gelten die Paulsgrund-Muffelschafe als zahlenmäßig größte, konditionell vitalste und gemessen an den Trophäen als stärkste heimische Population. Alljährlich werden im Bereich der Berleburger Rentkammer starke bis kapitale Widder erlegt. Für Wittgenstein beläuft sich die Jahresstrecke auf rund 120 Tiere.

 

Mufflons gehören zu den Wildschafen, somit werfen die Widder ihre Kopfzier, die „Schnecken“, wie die gebogenen Hörner in der Jägersprache heißen, nicht, wie die Hirschartigen ihr Geweih jedes Jahr ab, sondern schieben zeitlebens das Horn weiter nach. Somit können erfahrene und mit guten Ferngläsern oder Spektiven ausgerüstete Jäger das Alter der lebenden Tiere ziemlich exakt bestimmen.

Diese Schnecken ergeben bei Widdern im Alter von fünf, sechs Jahren, wenn sich die Schneckenspitzen bereits wieder nach außen drehen, eine beeindruckende Trophäe. Weshalb das Muffelwild bei uns in Wittgenstein bei den meisten Jägern hoch im Kurs steht.

 

Aber auch für den nicht jagenden Waldwanderer, Naturfreund und Tierfotografen ist ein dunkler Muffelwidder im Schnee oder buntem Herbstwald einfach ein überwältigender Anblick. Im dunklen Winterkleid mit dem hellen, fast weißen Sattelfleck – den die Jäger Schabracke nennen – wirken kämpfende Widder, die aus ein paar Meter Abstand aufeinander zulaufend mit den behornten Schädeln zusammenprallen, dass es wie Schüsse durch den Novemberwald hallt, geradezu wie mittelalterliche Recken.

Hinzu kommt, dass das Muffelwild tagaktiv ist und bezogen auf das Einstandsgebiet, sich recht standorttreu verhält und diese Einstände nur im Notfall verlässt. Doch innerhalb ihres Revieres zigeunern sie geradezu vagabundierend umher und so können Waldbesucher inzwischen in fast allen Waldtälern und Freiflächen der Höhenlagen – z.B. Kühhude – tagsüber immer mal wieder auf äsende Muffel stoßen.

Zu leiden haben sie unter strengen Wintern und jagenden oder freilaufenden Hunden: Mittelgroße bis große Hunde holen flüchtende Mufflons immer ein und reißen sie bevorzugt. Abgesehen von der Tatsache, dass Muffel in ihren Einständen Gelegenheit haben müssen, sich ihre Schalen auf felsigem Untergrund „ablaufen“ zu können, sind sie eigentlich recht genügsam und stellen eine aufregende und attraktive Wildart für unser Mittelgebirge dar. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Muffelwild im Vergleich zu unserem heimischen Schalenwild recht „dumm“, also wenig anpassungsfähig erscheint: Immer noch sichern Muffel mehr nach oben, als noch vorne, weil sie auf Korsika von Adlern verfolgt wurden. Da sie auf den Mittelmeerinseln nie Abwehrstrategien gegen Wölfe entwickeln mußten, werden Muffelpopulationen in Gebieten, die der Wolf zurückerobert, in kürzester Zeit aufgerieben und eliminiert. 

 

Text und Fotos: Wolfram Martin

So ein starker Muffelwidder im Schnee ist schon ein imposanter Anblick.
So ein starker Muffelwidder im Schnee ist schon ein imposanter Anblick.
Außerhalb der Brunft bilden männliche Mufflons, also die Widder, regelrechte „Männer-Rudel“, wie hier in Kühhude.
Außerhalb der Brunft bilden männliche Mufflons, also die Widder, regelrechte „Männer-Rudel“, wie hier in Kühhude.

Kontakt

Verein für Heimat, Kultur und Freizeitgestaltung e.V. Berghausen

 

Info@Berghausen-Edertal.de

 

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